kulturSPIEGEL

October 1999

Nine Inch Nails

Er gilt als amerikanisches Rock-Idol der neunziger Jahre. Aus Verehrung stecken ihm seine Fans sogar tote Ratten in den Briefkasten.

Das Haus, das ihm der Immobilienmakler draußen in den Hollywood Hills anbot, sei "eine Perle": im Ranchstyle gebaut, idyllisch, und von der Terrasse aus habe man einen phantastischen Panoramablick über die Hügel. Und was Trent Reznor, damals ein zwar angesehener, aber weithin unbekannter Rockmusiker, am meisten überzeugte, war die niedrige Miete für das Häuschen am Cielo Drive 10050. Mit der ganzen Wahrheit rückte der Makler erst am Ende heraus. "In diesem Haus hatte Charles Mansons Family die Schauspielerin Sharon Tate und deren Freunde umgebracht", sagt Reznor.

Er zog trotzdem ein, baute das Wohnzimmer zum Studio um und produzierte dort Musik, die klingt, als wenn er in jener Horrornacht vor 30 Jahren heimlich zugeschaut hätte: "Ich hätte diese Platte nicht in einem Reihenhaus machen können!"

"The Downward Spiral" heißt sie und hört sich auch heute noch an wie ein wüster Höllenritt: Elektro-Rhythmen rasen, Gitarren dröhnen, und Reznor singt so finstre Texte, dass sogar unverbesserliche Frohnaturen miese Laune kriegen.

Fünf Millionen Mal hat sich die Platte, die das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" zum "Meilenstein der Neunziger" erkor, seitdem verkauft, Reznor gilt heute als Teenie-Idol. Der Preis, den Reznor für den Erfolg zahlen musste, war hoch: Draußen auf dem Cielo Drive fuhren Sightseeing-Busse vorbei, schwarz gewandete Fans steckten ihm tote Ratten als Ausdruck ihrer Verehrung in den Briefkasten. "Nichts ist so unheimlich wie Erfolg: Du traust keiner Seele mehr, am wenigsten dir selbst!" Die Schaffenskrise überbrückte er mit Auftragsarbeiten für das Gruftie-Idol Marilyn Manson sowie mit Soundtracks für die Regisseure Oliver Stone und David Lynch. Und weil auch danach die Ideen fehlten, musste zum zweiten Mal ein Immobilienmakler in den Lauf der Rockgeschichte eingreifen.

Diesmal verschlug es Reznor in ein Bestattungsinstitut in New Orleans. "Zugegeben, das klingt wie ein billiger PR-Trick", erklärt er, "aber der Schnitt des Hauses kommt meinen Ansprüchen sehr entgegen ­ außerdem sind die Räume herrlich kühl."

Vielleicht liegt es an den Räumen, vielleicht auch nur an der gemächlichen Atmosphäre der Stadt ­ "The Fragile", das dritte Album, ist ein überraschend zahmes und ruhiges Werk geworden. Dass es trotzdem sofort die US-Hitparade eroberte, sei, sagt Reznor, vor allem der zahmen Konkurrenz zu verdanken. "Der Rock'n'Roll hat den Biss verloren, und es gibt nun mal nichts Schlimmeres als Unterhaltung für die ganze Familie."

Christoph Dallach

Tournee Nine Inch Nails: 19.11. München, 22.11. Berlin, 26.11. Düsseldorf. Karten: Tel. 069/944 36 60.

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This article is provided courtesy Keith Duemling and Tracy Thompson from the collection previously located at SUS.